Nur die Furcht selbst

Manchmal fügen sich Dinge, die einem zufällig zeitgleich ins Bewusstsein rücken, zu erstaunlichen Zusammenhängen. So werfen drei aktuelle Umfragestudien, ein Kinofilm und ein etwas älteres Buch die Frage auf: Was ist los mit unserer Gesellschaft? Warum haben wir so viel Angst?

Text: Thomas Volkmann

Illustration: Ramona Ring

„Was ist los bei euch?“, fragte mich ein Freund, der seit Längerem im Ausland lebt. Erfreulicherweise hatte ich in den Tagen davor Zeit gehabt, mich durch umfassende Lektüre auf den neuesten Stand zu bringen. Ich war auf die „Global Happiness Study“ gestoßen, eine Ipsos-Umfrage in 28 Ländern. Im globalen Durchschnitt bezeichnen sich demnach 64 Prozent der Befragten als „sehr glücklich“ (14 Prozent) oder „eher glücklich (50 Prozent). Deutschland liegt auf dem achten Rang: 78 Prozent der Befragten sind insgesamt glücklich. Es gab einen Anstieg um 10 Punkte im Vergleich zu Februar 2018!

Für Junge ist die Welt in Ordnung

Das hätte ich ihm erzählen können, dem alten Freund – wenn mir da nicht im gleichen Moment die „Angststudie“ der R+V Versicherungen ins Bewusstsein gekommen wäre. Befragt nach „den größten Ängsten“, zeigen die Deutschen mehrheitlich Furcht vor einer Überforderung des Staates durch Flüchtlinge, vor Spannungen durch den Zuzug von Ausländern, vor einer gefährlicheren Welt als Ergebnis der Politik Donald Trumps. In den „Top Ten“, knapp unter der absoluten Mehrheitslinie, stehen darüber hinaus Ängste vor der Überforderung der Politiker, vor Extremismus und Terrorismus, vor steigenden Lebenshaltungskosten. Mithin handelt es sich um unbestimmte Ängste, gegen die schwer zu argumentieren ist. Immerhin lässt sich feststellen, dass viele der Werte im Langzeitvergleich gesunken sind. Außerdem lässt sich beobachten, dass die Jüngeren weniger angsterfüllt sind als die Älteren. „Bei den jüngsten Befragten“, so heißt es in der Studie, „ist die Welt noch in Ordnung und die Angst relativ gering.“

„Ich habe Hoffnung, dass Optimismus, Vernunft und Zukunftsvertrauen die Furcht besiegen.“

Ein von Ängsten getriebenes Volk

Das hätte ich meinem Freund sagen können. Aber dann fiel mir der Auftritt der 16-jährigen Greta Thunberg vor den Vereinten Nationen ein. Ihr Statement war nicht gerade von einem unterproportionalen Angstgefühl geprägt. Thunberg sieht den Klimawandel als Grund für ihre geraubte Jugend, durchaus positiv begleitet von Stimmen aus Politik und Medien. Außerdem musste ich an eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach denken, in der die mittlere Alterskohorte zu den Chancen und Risiken des Lebens befragt wird. Zentrale Ergebnisse: Der Generation zwischen 30 und 59 Jahren in Deutschland geht es wirtschaftlich so gut wie nie. Die gesellschaftlichen Entwicklungen bereiten der Generation Mitte jedoch zunehmend Sorgen. Befragt nach den Veränderungen im Land in den vergangenen Jahren, sehen 51 Prozent ein Überwiegen der negativen, 16 Prozent der positiven Veränderungen. Breite Mehrheiten sehen ein Zunehmen der Aggressivität (81 Prozent), steigenden Zeitdruck (77 Prozent) oder abnehmenden Respekt voreinander (68 Prozent). Befragt nach der eigenen Lage sieht die Sache anders aus: 59 Prozent sind zufrieden, lediglich 9 Prozent sind es nicht. 44 Prozent geht es besser als vor fünf Jahren, 16 Prozent geht es schlechter. Aber 41 Prozent glauben, dass die Wirtschaft in den kommenden Jahren zurückfallen wird.


Sollte ich meinem Freund also erklären, dass die Deutschen ein von Ängsten getriebenes Volk sind, das die aktuell gute eigene wie auch allgemeine Lage eher als Betriebsunfall und Anomalität sieht, die dazu noch durch „Fremde“, durch Terror, durch aggressive Mitmenschen und durch generellen Zeitdruck bedroht, ja eigentlich schon verloren ist, und dass sie in einem schüchternen Mädchen aus Schweden die Person sehen, die das ausdrückt, was sie selbst nicht formulieren können?

Furcht vor der Furcht

„Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst“, hat der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt gesagt. Oder war es doch Stephen King, der das in seinem Roman „Es“ darstellt? Der Film zum Buch ist ein großer Kassenschlager. Er handelt davon, dass das Böse selten in wirklicher Gestalt kommt – hier in Gestalt des Clowns Pennywise –, sondern sich für jeden Einzelnen in Verkörperung der größten Angst gestaltet. Erst dadurch wird es gefährlich für die Betroffenen: Es ist die Furcht, die Gefahr heraufbeschwört, die lähmt, die irrational handeln lässt. „Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen“, heißt es im ‚Handbüchlein der Moral‘ des antiken Philosophen Epiktet, „sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.“ Das konnte ich natürlich meinem Freund nicht erklären, obwohl es seine Bedeutung hat. Stattdessen wollte ich ihm erläutern, wie mit dieser Furcht umzugehen sei.


Inspiration kommt da von der 1992 verstorbenen Politologin Judith Shklar und ihrem Buch „Der Liberalismus der Furcht“. Shklar vertritt einen „dezidiert realistischen Liberalismus“, der auf die Vermeidung der größten Übel abzielt. Diese erblickt Shklar in Furcht und Grausamkeit. Man mag ihr nicht ganz folgen, wenn sie als einzige zu rechtfertigende Bedeutung des Liberalismus darstellt, dass jeder Mensch in der Lage sein sollte, ohne Furcht und Abhängigkeiten so viele Entscheidungen über so viele Aspekte seines Lebens zu fällen, wie es mit der gleichen Freiheit eines jeden anderen erwachsenen Menschen vereinbar ist. Aber ein solcher „Liberalismus von unten“, wie der Sozialphilosoph Axel Honneth schrieb, ein „Liberalismus der permanenten Minderheiten“, wird benötigt. Man müsse sich, so warnte Shklar, vor einer Gesellschaft furchtsamer Menschen fürchten. Es gilt also, gegen die Furcht vorzugehen, sie zu vermeiden. Wer könnte das besser als eine politische Denkrichtung, die sich Optimismus, Fortschritt und Vernunft auf die Fahnen geschrieben hat?


Das habe ich meinem Freund geantwortet: Ich habe Furcht davor, dass die Furcht unser Land lähmt. Aber ich habe Hoffnung, dass Optimismus, Vernunft und Zukunftsvertrauen die Furcht besiegen. Meine und die der anderen.