Klaus Hurrelmann ist Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance und Leiter der Shell-Jugendstudie. Fotos: Peter Himsel

Wahlverhalten der Jugend in Ostdeutschland 2019 Wahlverhalten der 16- bis 24-Jährigen bei den Landtagswahlen in Brandenburg und der 18- bis 24-Jährigen in Sachsen und Thüringen

Warum wählen junge Leute die AfD?

Interview mit dem Soziologen Klaus Hurrelmann

Klaus Hurrelmann ist einer der bekanntesten Bildungsforscher Deutschlands. Seit 2009 ist er Inhaber des Lehrstuhls für „Public Health and Education“ an der Hertie School of Governance. Im Interview spricht er über den Erfolg der AfD unter jungen Menschen bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen – und ob wir bei künftigen Wahlen in westdeutschen Bundesländern mit ähnlichen Ergebnissen rechnen müssen.

Bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen wählten überraschend viele junge Menschen die AfD. Wie ist es dazu gekommen?

Die AfD hat im Wahlkampf Themen angesprochen, die für junge Leute von besonderer Bedeutung sind, beispielsweise wirtschaftliche und soziale Ängste. Recherchen zeigen, dass es mehrheitlich junge Männer sind, die sich ob ihrer beruflichen und sozialen Perspektive unsicher fühlen. Hier liegt also ein inhaltlicher Schwerpunkt der jungen Wähler, die sich bei den Wahlen entsprechend geäußert haben: die Unsicherheit des Arbeitsplatzes und der Lebenssituation und somit auch das allgemeine Lebensgefühl.


Ist der starke Zuspruch für rechts-populistische Positionen ein ostdeutsches Problem oder werden wir auch in westdeutschen Bundesländern künftig starke Wahlergebnisse der AfD unter jungen Menschen erwarten müssen?

Darauf müssen wir uns einrichten. Das beschriebene Wahlverhalten ist kein spezifisch ostdeutsches Phänomen. Im Westen existieren ähnliche Ausgangskonstellationen: Angst vor dem wirtschaftlichen und sozialen Abstieg; Sorge, die Nachbarschaft könne sich verändern und man fühle sich dort nicht mehr wohl. Das sind auch unter jungen Wählern in westdeutschen Bundesländern wichtige Themen.


CDU und SPD werden von älteren Menschen gewählt. Junge Wähler stimmen für AfD und Grüne. Sind sie die Volksparteien der Zukunft? Können die anderen Parteien junge Wählergruppen noch erreichen?

Ja, das können sie. Grüne und AfD sprechen Themen an, die für junge Leute von großer Bedeutung sind. Daran müssen sich andere Parteien orientieren und urdemokratisch ermitteln, welche thematischen Präferenzen und Interessen ihre potenziellen Wähler haben. Junge Menschen möchten wissen, was sie wählen; sie möchten ein klares Programm sehen. Die Grünen werden als Partei für Klimaschutz wahrgenommen, die AfD als Partei für öffentliche und soziale Sicherheit. Das sind die beiden meistdiskutierten Themen der aktuellen gesellschaftlichen Debatte. Die Positionen der anderen Parteien bleiben unklar. Sie müssen thematische Schwerpunkte suchen, mit denen sie die jungen Leute ebenfalls erreichen können. Einen weiteren Vorteil, den Grüne und AfD auf ihrer Seite haben, ist ihr Anschluss an Bewegungen, der einer Partei einen besonderen Dreh geben kann.


Wie zeigt sich das?

Sie werden nicht mehr nur als bürokratische Großorganisation wahrgenommen, sondern von einer Basisbewegung gestützt. Der Partei bringt dieser Anschluss ungeheure Aktivität, die sich an der gestiegenen Wahlbeteiligung ablesen lässt. CDU und SPD fehlt eine solche Basisbewegung. Auch darüber müssen die Parteispitzen nachdenken: Gibt es Möglichkeiten, eine Bewegungskomponente – beispielsweise zum Thema „soziale Ungerechtigkeit“ – zu aktivieren? Solche Aktivitäten sind es, die Parteien ein Gesicht geben – immer in Korrespondenz mit den aus der Forschung zu ermittelnden Präferenzen der Menschen unter 30. So können Parteien deutlich machen, dass sie sich für junge Generationen interessieren und auf sie angewiesen sind. Schließlich spielen auch die Kommunikationskanäle eine zentrale Rolle: Die AfD hat eine der modernsten Kommunikationsstrukturen überhaupt. Sehr digital, sehr schnell. Davon müssen die anderen Parteien lernen. Die traditionellen Parteien äußern – zu Recht – ständig Bedenken über das nationalsozialistische Gedankengut in der AfD. Die jungen Leute äußern diese Bedenken jedoch nicht.


Und das ist ein großes Problem: Das nationalsozialistische Gedankengut wird in der AfD teils offen vertreten. Auch die Verbindung zu rechtsextremen Netzwerken sind bekannt. Wenn junge Menschen diese Tatsachen nicht in den Vordergrund ihrer Wahlentscheidung stellen, hat dann unser Bildungssystem nicht versagt?

Tatsächlich scheint dieser nationalsozialistisch-autoritäre Zug der AfD viele junge Leute nicht abzuschrecken. Sie nehmen es bewusst in Kauf. Ja, da klingeln auch bei mir als pädagogischem Beobachter alle Alarmglocken. Wenn die Tragweite solcher Positionen jungen Leuten nicht klar ist und das Gefühl dafür fehlt, dass demokratisch erarbeitete Strukturen in Gefahr geraten können, haben wir ein großes Problem. Hier stehen wir vor einer immensen Herausforderung für die öffentliche und schulische Informationsarbeit. Demokratie vorleben, trainieren und umsetzen: In allen diesen Bereichen müssen wir aktiver werden.

Fotos: Getty Images

Vor 70 Jahren

Theodor Heuss erstmals zum Bundespräsidenten gewählt

Ein Liberaler an der Spitze eines deutschen Nationalstaats, das hatte es noch nicht gegeben. Dass es 1949 dazu kommen würde, war den Kräfteverhältnissen in der neu gegründeten Bundesrepublik auch nicht anzusehen: Die Freien Demokraten lagen fast 20 Prozentpunkte hinter der Union und 17 Prozentpunkte hinter der SPD. Doch Theodor Heuss hatte sich im Parlamentarischen Rat als geschickter Vermittler zwischen den großen Blöcken gezeigt.


Gegenkandidat war Kurt Schumacher (SPD). In der Bundesversammlung erreichte Heuss am 12. September 1949 im zweiten Wahlgang mit knapp 52 Prozent die vorgeschriebene absolute Mehrheit. Er füllte das Präsidentenamt rasch mit Form und Leben. Breite Bildung und Redetalent kamen ihm zustatten. Sein Einfluss auf die Herausbildung einer freiheitlich-pluralistischen politischen Kultur in Deutschland ist kaum zu überschätzen.

Liberale Hoffnungsträgerin in Osteuropa

Klare Worte aus der Slowakei

Die Präsidentin der Slowakei, Zuzana Čaputová, spricht klare Worte. Seit Juni 2019 im Amt, hat die liberale Politikerin auf ihren Antrittsbesuchen in den Nachbarstaaten Polen, Tschechien und Ungarn, mit denen die Slowakei seit 1991 in der sogenannten Visegrád-Gruppe verbunden ist, nicht mit Kritik an Fehlentwicklungen gespart.


In Prag, ihrer ersten Station, reagierte sie auf Äußerungen des tschechischen Präsidenten Miloš Zeman mit den Worten: „Schon jetzt ist offensichtlich, dass wir uns nicht in vielen Dingen einig sein werden.“ In Budapest kritisierte Čaputová Premierminister Viktor Orbán für seine autokratische Politik und verteidigte die Werte der liberalen Demokratie, die in Ungarn erheblich unter Druck geraten sind. In Warschau erinnerte sie an die wichtige Rolle des früheren Präsidenten Lech Wałęsa in der Überwindung des Sozialismus, was die polnische Regierung angesichts des schwierigen Verhältnisses zwischen Wałęsa und dem PiS-Vorsitzenden Jarosław Kaczyński als Provokation empfand. An die drei Visegrád-Partner gerichtet, bedauerte sie deren allzu lange wenig konstruktive Haltung innerhalb der Europäischen Union. Čaputová ist bemüht, ihr Land als besonders EU-freundlichen Mitgliedstaat zu positionieren.

Ein demokratischer Stern am dunklen Firmament der slowakischen Politik: Seit einem halben Jahr ist Zuzana Čaputová gewählte sozial-liberale Präsidentin der Slowakei. Foto: SITA /Jana Birošová

5,5%

Die EEG-Umlage wird 2020 um 5,5 Prozent steigen. Deutschland ist eines der Länder mit den höchsten Strompreisen Europas. Das belastet unsere Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit.
Der deutsche Strommix setzt sich größtenteils aus fossilen und erneuerbaren Energiequellen zusammen. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) soll die Einspeisung von erneuerbaren Energien in das Stromnetz fördern, führt aber zu hohen Strompreisen. Das belastet private Haushalte und Unternehmen mit hohen Kosten. Strom ist aktuell nicht konkurrenzfähig für die Wärmeerzeugung und den Verkehr.

„Wir Europäer verkennen die kulturelle Vielfalt, den Optimismus und die Kreativität, die in Afrika herrschen.“

Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff auf dem Forum de Saint-Louis 2019

Theater der Freiheit – „30.nach.89“ im Deutschen Theater

Für das Theaterstück „30.nach.89“, uraufgeführt am 19. Oktober im Deutschen Theater Berlin, haben sich in einer deutsch-polnisch-russischen Kooperation Schüler aus den drei Ländern zusammengefunden.


Unter Leitung der freien Regisseurin Uta Plate wurden die Geschichten ihrer eigenen Eltern sowie weiterer Zeitzeugen aus dem Freiheitsjahr 1989 zu einem Theaterstück konzipiert. Einem Mosaik gleich, entstand aus Gesprächen, die in verschiedenen Sprachen geführt wurden, ein Gesamtkunstwerk.


Mit Unterstützung der Friedrich-Naumann-Stiftung und der Evangelischen Kirche Deutschlands konnten die jungen Schauspieler das Stück gemeinsam in Warschau, Berlin und Moskau erarbeiten und proben. Die Uraufführung vor ausverkauftem Haus wurde zu einem vollen Erfolg und zeigt: Kunst vermittelt Freiheit und überwindet jede Grenze.

„Liberalismus heißt leben und leben lassen“

Hanène Zbiss, Gewinnerin des Raif Badawi Award for courages journalists.

Die tunesische Investigativjournalistin Hanène Zbiss wurde auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Raif Badawi Award for courageous journalists ausgezeichnet.


Zbiss arbeitet für das französische Onlinemagazin Inkyfada und widmet sich den Rechten von Frauen und Kindern. Während des bewaffneten Konflikts im Irak begann sie, die Schicksale von Jesidinnen zu dokumentieren und der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Auch in Tunesien widmet sie sich Schicksalen, die sonst nicht in die Schlagzeilen geraten, zum Beispiel den in Libyen festgehaltenen tunesischen IS-Rückkehrerinnen. Nach ihren Recherchen zur Gehirnwäsche in Koran-Kindergärten kam es in der Bildungspolitik Tunesiens zu einem Aufschrei; zahlreiche Einrichtungen wurden geschlossen. Mit ihrer Arbeit leistet Hanène Zbiss einen herausragenden Beitrag zur Information der Öffentlichkeit in einem Land, das nach dem Arabischen Frühling noch immer um eine stabile Demokratie ringt.