„Dass wir so uneins sind, ist fatal in einer multipolaren Welt.“

Horst Teltschik war einer der engsten außenpolitischen Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl.

„Immer im Gespräch bleiben“

Zur Zeit der Wende war Horst Teltschik als stellvertretender Kanzleramtschef von Helmut Kohl (CDU) eine der prägenden Figuren der deutschen Einheit. Er ist einer der Experten für deutsche Außen- und Sicherheitspolitik und leitete viele Jahre die Münchner Sicherheitskonferenz.

Interview geführt von: Karen Horn

Der Mauerfall war ein Glücksmoment der Geschichte. Warum war 1989 die Zeit reif dafür?

Da kam eine Reihe von günstigen Entwicklungen zusammen. Begonnen hat es mit den Demokratisierungsbestrebungen in Polen. Dann war wichtig, dass wir im Bundeskanzleramt im Kontakt mit Ungarn waren. Ministerpräsident Miklós Németh war bewusst, dass das Land wirtschaftliche und politische Reformen brauchte. Weil Deutschland half, waren sie 1989 bereit, die Grenzen zu öffnen. Von zentraler Bedeutung waren auch die Reformbestrebungen Gorbatschows in der Sowjetunion – und die Tatsache, dass er den Warschauer-Pakt-Staaten vermittelt hatte, er werde sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Bündnispartner einmischen.


Spielte nicht auch die Entspannungspolitik, die nach dem Kalten Krieg eingesetzt hatte, eine wichtige Rolle?

Natürlich. Die Grundlagen für die Entspannungspolitik waren in der Nato mit dem „Harmel-Bericht über die künftigen Aufgaben der Allianz“ von 1967 bereitet, mit jener Doppelstrategie, die militärische Sicherheit und Entspannung als Ziele festlegte. Darauf baute Brandts Ostpolitik auf. Wesentlich war auch der Prozess der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), in dem die FDP-Außenminister Scheel und Genscher zentrale Rollen spielten. Doch dann begann die Sowjetunion mit der Aufrüstung neuer Mittelstreckenraketen. Die Nato antwortete mit dem Doppelbeschluss. Es herrschte Eiszeit zwischen Ost und West. Erst 1985 kam mit der Wiederaufnahme der Gipfeldiplomatie und mit Gorbatschow im Amt alles wieder in Bewegung. Der Prozess, den wir kennen, nahm seinen Lauf.

Heute haben wir es mit Herrschern zu tun, die autoritär handeln. Können wir aus den historischen Erfahrungen etwas für den Umgang mit Russland heute lernen?

Im Westen besteht die Gefahr, Putin als Hauptgegner auszumachen und uns selber damit auszubremsen. Die europäische Sicherheit hängt von Russland ab. Man muss immer im Gespräch bleiben, das ist die wichtigste Lehre. Mit der Wiedervereinigung wäre es nichts geworden, wenn wir nicht mit Breschnew gesprochen hätten. Außerdem muss man daran erinnern, dass Putin der Meinung war, Russland solle Nato-Mitglied werden. Wir waren also schon viel weiter. Dass wir so uneins sind, ist fatal in einer multipolaren Welt. Die EU freilich ist gerade mit dem Brexit dabei, ihren Einfluss zu schwächen.


Kohl hat die deutsche Einheit und die europäische Einigung zusammengedacht. Wo steuert das hin?

Das Problem der EU ist, dass sie ziellos agiert. Niemand weiß, was die führenden Politiker als Zielsetzungen in Europa haben. Die Bundesregierung will ein stabiles Europa, erklärt aber nicht, wie man sich dieses Europa vorzustellen hat. Die Bürger wissen nicht, ob noch mehr europäische Integration kommt und wie die aussehen soll. Die deutsch-französische Zusammenarbeit ist der Schlüssel für die Arbeit in der EU, aber sie funktioniert derzeit nicht. Die Vorstöße des französischen Präsidenten Macron sind ja weitgehend ohne Antwort geblieben.